Broken wings and lost fingerprints

Wie das Gefühl "Nicht gut genug zu sein" uns im Leben beeinflusst

"Sie war sich ziemlich sicher. In ihrer Seele steckten die Wörter fest. Und eins saß dort so fest wie in Stein gemeißelt. Ungut! Sie war einfach in allem ungut. So zumindest fühlte es sich für sie an."

Dieser kleine Absatz trifft für mich auf zwei Dinge zu - zum einen auf einen großen Teil meines Lebens und zum anderen ganz allgemein auf das Thema Social Media. Lasst mich das erklären...

Talentiert (??) und gleichzeitig total unsicher...

Ich habe lange Zeit meines Lebens geglaubt, dass andere Menschen besser sind als ich, dass sie besser malen, besser auftreten, besser reden, besser in ihrem Job sind. Ich habe mich verglichen und immer wieder gedacht, ich bin nicht gut genug. Nicht gut genug, um mit dem, was ich bin und was ich kann in die Welt hinauszugehen. Immer gab es jemanden, zu dem ich aufgeschaut habe. Von dem ich noch ein bisschen lernen wollte, damit ich dann endlich in die Welt hinausgehen kann. Aber viele Jahre kam das in die Welt hinausgehen einfach nicht. Denn es gab immer jemanden, der in meinen Augen etwas besser konnte. Du kannst dir vorstellen, dass Social Media ein Ort war, an dem ich mich noch mehr verglichen habe. Es hat lange gedauert, mich daraus zu befreien, so zu leben, zu malen, zu denken und zu fühlen, wie es für mich stimmt. Zu wissen, ich bin gut, genau so, wie ich bin!

Das Fatale war, dass mir immer gesagt wurde, ich sei talentiert und ich könnte doch so gut malen. Ich hab es aber nicht gefühlt. Für mich war und ist Malen und kreativ sein etwas völlig Normales, es ist nichts, was ich mir in mühsamer Arbeit beigebracht hätte. Und das soll jetzt nicht arrogant klingen, aber es ist einfach etwas, das mir sehr leicht fällt, etwas worüber ich nicht nachdenken oder für das ich viel Üben muss. Es passiert einfach. Und vielleicht ist es das, was man mit Talent beschreibt. Andere Menschen können ja auch einfach singen oder unglaublich schnell rennen. Gerade das hat aber dazu geführt, dass es sich für mich nicht als etwas Besonderes angefühlt hat oder als etwas, was ich richtig gut kann. Weil ich ja auf der anderen Seite und in Social Media immer Menschen und Künstler gesehen habe, die in meinen Augen soooo viel besser malen oder sich soviel besser verkaufen können. Social Media ist ein Ort der Selbstdarstellung, ein Ort an dem die Menschen, die am lautesten sind, am ehesten wahrgenommen werden. Es ist ein Ort, an dem leise Menschen weniger gefunden werden. So wie im echten Leben. Sie stehen ja nicht in der ersten Reihe oder auf der Bühne. Sie sind eben leise. Sie denken. Sie gestalten für sich.

In einer Gesellschaft, die laut ist und in der gewinnt und gesehen wird, der sich am meisten in den Vordergrund drängt, gehen leise Menschen unter. Weil sie sich nicht trauen, weil sie analysieren und durchdenken, bevor sie hinausgehen. Social Media, Facebook, Instagram und Co können ein Ort für wundervolle Inspiration sein, es gibt uns die Möglichkeit, Menschen zu entdecken, denen wir vor Social Media niemals begegnet wären. Ich kann Kunstwerke von unbekannten Künstlern entdecken und mich begeistern lassen, neue Inspirationen finden und neue Techniken ausprobieren, weil sie jemand erklärt. Das alles ist wunderbar. Und trotzdem glaube ich, dass man, wenn man sich in den sozialen Medien bewegt, fest in sich selbst verwurzelt sein muss. Die eigenen Werte müssen klar sein. Sonst wirst du fortgerissen oder hineingerissen in Selbstzweifel, Vergleichswahn und bist den Manipulationen durch Werbungen hilflos ausgesetzt. Deshalb heisst der Titel dieses Artikels auch "Broken wings und lost fingerprints".
Stillstand - oder Pause - ist lebensnotwendig. Wenn wir sie uns nicht nehmen, wird uns das Licht ausgepustet und wir finden uns z.B. in einer Krankheit wieder, die uns zur Ruhe zwingt. Ob wir wollen oder nicht. Und die Natur macht es uns doch vor - es gibt ganz natürliche Zyklen von Werden und Vergehen. Von Aufblühen und Verwelken. Alles fließt. Alles fügt sich in einem gigantischen Rhythmus. Und aus dem Vergangenen entsteht Neues. Und trotzdem haben wir so unendliche Angst vor dem Tod. Vor dem Ende von etwas. Dabei ist jedem Ding, was geboren wird, das Ende schon mitgegeben. Wir können das nicht verhindern. Und meinen trotzdem, dass wir uns gegen dieses Naturgesetz mit aller Macht stemmen können! Woran liegt das?

Denn wir können uns dort selbst verlieren

Und das aus verschiedensten Gründen. Weil wir uns selbst nicht genug vertrauen, um unser ganz eigenes Ding zu machen. Weil wir auch erfolgreich und berühmt sein wollen. Weil wir uns vergleichen und anfangen andere zu kopieren, um auch gut anzukommen. Weil wir Likes und Follower wollen und dann eher darauf achten, was andere von uns wollen und erwarten statt uns zu fragen, was wir mit der Welt teilen, was wir ausdrücken wollen.

Wir sind durch das Internet und Social Media, dazu zählen auch Youtube und Co. jeden Tag unzähligen Meinungen ausgesetzt und wir wissen nicht, was davon wahr ist und was nicht. All das müssen wir filtern, mit unseren Werten abgleichen und auch verarbeiten und für uns in einen sinnvollen Kontext einordnen. Die Welt dreht sich immer schneller und statt Information sind wir heute mit Desinformation konfrontiert. Hinzu kommt, dass es Ziel der Plattformen ist, uns dort zu halten, damit wir möglichst viel Zeit dort verbringen. Denn so kann uns noch mehr Werbung ausgespielt, können wir eher manipuliert werden. Denn wir geben ja auch viel preis von uns. Wenn wir uns dieser Mechanismen nicht bewusst sind und uns keine Zeit nehmen, immer wieder zurückzutreten, in unser Inneres zu schauen und uns ehrlich zu fragen, was wir wirklich wollen, was wir richtig und was wir falsch finden oder ob die Dinge, die wir lesen, wahr oder gefaked sind, werden wir leicht zum Opfer oder zu einer Kopie von irgendjemandem.

Wir können uns dort die eigenen Flügel stutzen oder brechen, weil wir uns vergleichen, weil wir so sein wollen, wie jemand anderes. Und dann hinterlassen wir in unserem Leben nicht unsere eigenen Fingerabdrücke sondern die kopierten von jemand anderem. Social Media kann also ein gefährlicher Ort sein (vor allem, wenn wir uns die kapitalistischen Absichten der Konzerne und Werbetreibenden vor Augen führen).

Gleichzeitig gibt es natürlich die andere Seite. Dort sind ja auch unglaublich viele kreative Köpfe unterwegs, die sich selbst ausdrücken und die wertvollen Content liefern. Es kann auch immer noch ein Ort der Vernetzung und der Gemeinschaft sein. Dafür waren sie ja auch ursprünglich einmal gedacht. Wenn wir uns dort bewegen, ob als Konsument oder als Creator - wir müssen uns bewusst Fragen stellen, wie: "Möchte ich mich und mein Tun von einem Algorithmus steuern lassen oder halte ich es aus, nicht so viele Follower oder Likes zu haben?", "Kann ich damit umgehen, wenn Menschen mir nicht mehr folgen?", "Was macht es mit mir, wenn meine Beiträge keine Likes bekommen?" Ist mir klar, dass ich dort nur Ausschntte zu sehen bekomme und daraus auf das ganze Leben eines Menschen schließe? Kurz: Bin ich mental stark genug, mich auf diesen Plattformen zu bewegen?

Mein Weg und mein Fazit

Nach wie vor bin ich, was das Thema Social Media anbelangt, total zwiegespalten. Ich bewege mich auf diesen Plattformen, sowohl als Konsument als auch als Creator. Auf der einen Seite gefällt es mir, dort auf neue Menschen zu treffen oder Künstler zu entdecken. Und ich mag, dass ich die Gedanken zu meinen Bildern teilen kann. Denn vielleicht erreicht es den ein oder anderen Menschen, der sich auch die Fragen stellt, die ich mir stelle. Und so wie mir schon der Content von anderen Menschen geholfen oder meine Perspektive erweitert hat, so kann es auch anderen Menschen mit meinen Gedanken gehen. Aber ich musste einen langen Weg gehen, um mich selbst zu finden, mich mit dem, was ich tue und wie ich male (z.B. damit, dass ich nicht DEN EINEN Stil habe, sondern gern ausprobiere) wirklich rauszutrauen. Deshalb gab es viele Anläufe und mehrere Instagram-Konten, die ich nach einiger Zeit wieder eingestampft habe. Es hat gedauert, bis es mir egal war, ob ich Likes bekomme oder eine große Reichweite habe.

Natürlich kann man an dieser Stelle die berechtigte Frage stellen, warum ich das überhaupt mache. Ich könnte ja schließlich auch einfach für mich prüddeln. Und eine zeitlang habe ich das tatsächlich auch getan. Aber, ich denke, es braucht Menschen, die offen nach draussen gehen, ihre Gedanken und Erfahrungen teilen. Denn davon können wir als Gesellschaft profitieren. Und es ist vielleicht auch ein Stück weit der Gegenpol zu den Fake-News und der Hetze, die dort draussen passiert. Mich haben immer die Menschen berührt, die offen über ihre Geschichte gesprochen haben, die nicht nur die tollen Momente zeigen, sondern auch die, in denen sie gescheitert sind, in denen sie Angst hatten und in den sie gezweifelt haben und nicht weiter wussten. Im Moment spüre ich, dass die Menschen um mich herum, sich genau danach sehnen. Nach Echtheit, nach Authentizität, in einer Welt die immer künstlicher und voller wird.

Mir ist klar, dass ich mich dadurch auch ein Stück weit verletzlich und angreifbar mache. Und doch wünsche ich mir mehr Menschen, die den Hochglanz beiseite legen und sich genau so zeigen, wie sie sind. Wird man dafür von den sozialen Medien belohnt? Keine Ahnung! Und vielleicht ist das auch einfach gar nicht wichtig...Vielleicht fangen wir wieder da an, wo wir uns fragen, was uns selbst denn eigentlich wirklich wichtig ist im Leben. Was unsere Flügel wachsen lässt und unsere eigenen Fingerabdrücke in unserem Leben und im Leben unserer Lieben hinterlässt.

Lassen wir uns nicht von Algorithmen an die Kette legen, sondern leben wir wieder in unserem eigenen Rhythmus und konfrontieren wir uns bewusst immer wieder auch mit anderen Meinungen, um unser Weltbild offen zu halten und nicht zu engstirnig zu werden.
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