Wenn ich in meine letzten Wochen des letzten Jahres und die ersten des Neuen zurückschaue, war ich in dieser Zeit vor allem eins: Müde. Aber es war wirklich nicht die angenehme Art von Müdigkeit, die, die sich einstellt, wenn man einen anstrengenden, aber erfüllenden Tag hinter sich hat. Es war eine Müdigkeit voller Erschöpfung, eine Müdigkeit, durchzogen mit dem Gefühl von Sinnlosigkeit. Ich war müde vom Sichtbarsein-Wollen und doch nicht gesehen werden. Müde vom Lautsein müssen. Müde vom permanenten Tun, vom Hoffen, vom inneren Antreiben. Müde von dem Wunsch, etwas Gutes in diese Welt setzen zu wollen und gleichzeitig zu wissen, dass ich allein wenig ausrichten kann und dafür auch noch, entgegen meines natürlichen Ausdrucks, verdammt laut sein muss, um überhaupt wahrgenommen zu werden.
Diese Müdigkeit war also mehr als nur eine körperliche Müdigkeit. Sie war existenziell. Und sie hat mich, mal wieder, alles in Frage stellen lassen, was ich bislang als Wahrheit dachte erkannt zu haben.
Es war eine Müdigkeit von einer lauten Welt, in der ich krampfhaft versucht habe, meinen Platz zu finden, einer Welt, die so schreckliche Nachrichten produziert, dass ich es oft nicht aushalten kann und konnte. Also habe ich viele Jahre gemacht, was viele andere ebenfalls taten und was in der spirituellen Szene gern propagiert wird – Licht und Liebe statt Nachrichten. Willkommen in der gemütlichen rosa Bubble der schrägen westlichen Auffassung von Spiritualität. Ich habe mich nicht von Nachrichten ferngehalten, weil ich gleichgültig bin oder mir das Schicksal von Menschen, Tieren und Natur am Popo vorbeigeht. Ich habe es schlicht und einfach nicht mehr ertragen, mit anzusehen, was der Mensch fähig ist, anderen Menschen, Tieren oder der Natur anzutun. Und ich dachte, es sei gesünder, mich auf „das Gute“ zu konzentrieren. Licht und Liebe eben. Traumleben manifestieren. Höhere Frequenzen. Ich habe mich einer rosafarbenen Spiritualitätswelt zugewandt, die mir und vielen anderen etwas versprochen hat, etwas, das sich wohl jeder in seinem Leben wünscht – Leichtigkeit. Alles darf leicht sein, dein Leben darf leicht sein! Wenn du nur richtig denkst. Und manifestierst. Und vertraust. Alles ist eins. Alles fügt sich. Du musst nur deine Frequenz erhöhen und genügend manifestieren. Und ich wollte das glauben. Wirklich. Aber offensichtlich hat irgendwas in mir immer nagend weitergesucht. Hier war etwas ganz und gar nicht stimmig. Und trotzdem bin ich eine ganze zeitlang auf diesem Zug mitgefahren. Hoffnung ist wirklich ein starkes Bedürfnis. Mit der Zeit wurde mir klar: diese Art von Spiritualität stimmt für mich so nicht. Sie vermeidet den Schmerz, sie geht nicht in die Tiefe, sie wühlt nicht im Dreck.
Und dabei sagt doch der Song „Gold von morgen“ von Alexa Feser schon alles. Wir müssen im Dreck wühlen, uns unserem Schmerz stellen, denn nur so finden wir das Gold von morgen. Doch diese „Licht-und Liebe-Spiritualität“ vermeidet es, sich die Finger schmutzig zu machen, denn sie schaut weg, wo es unbequem wird. Und nennt das Wachstum. UNd sie verkauft dir gern noch den nächsten Hochpreis-Kurs, in dem du auf jeden Fall wieder zu dir selbst findest, achtsamer leben lernst oder endlich erwachst und dein Ego hinter dir lässt. Und wenn du dann nicht das erreichst, was du dir manifestieren wolltest, dann, tut mir leid, dir das jetzt sagen zu müssen, hast du halt nicht das richtige Mindset! Doch persönliches Wachstum passiert nicht im Vermeiden. Es passiert genau dort, wo bereit sind, hinzusehen. In die Tiefen. Im Schmutz. Im angesammelten inneren Müll, wo wir doch allzugern Affirmationskärtchen draufkleben und uns jeden Morgen 100 Mal vorm Spiegel sagen: „Ich bin toll!“ , nur um dann festzustellen: es bleiben leere Phrasen, so lange ich sie nicht fühlen kann! Natürlich formen unsere Gedanken unsere Realität. Und ich kann lernen, Frau meiner Gedanken zu sein und mich aktiv entscheiden, wie ich mit dem Herausforderungen des Lebens umgehen und wie ich darüber denken möchte. Und doch bleibt mir die wirkliche Arbeit, die Auseinandersetzung mit meinen Wunden und dem Schmutz und Dreck dieser Welt, nicht erspart. Denn nur so kann ich irgendwann wirklich daherkommen, zu fühlen: „Ja, ich bin wirklich toll! Wenn ich aber versuche, dies zu erreichen, in dem ich alles Dunkle und Dreckige ausklammere, dann entwickle ich mich nicht weiter und komme nie dahin, zu fühlen, was ich doch so gern fühlen möchte. Dann bleibt das Affirmationskärtchen eben genau das: ein hohler Satz, der an meinem Badezimmerspiegel hängt und mich überhaupt nicht berührt.
Inzwischen ist mir klar, wie gefährlich es ist, das Schmerzhafte, das Dunkle, die eigene Tiefe und die eigenen Verletzungen auszuklammern. Es ist bequem. Es ist manipulativ. Und diese Art von Spiritualität und „Licht- und Liebe-Coaching“ hält uns davon ab, aufzustehen und zu sagen:
Das kann doch nicht sein. Das darf doch nicht sein! Es kann nicht sein, dass wir uns in unserer rosa Bubble gemütlich einrichten, Räucherstäbchen schwingend um ein Feuer tanzen, uns hinter pseudo-spirituellen Konzepten verstecken und gleichzeitig zulassen, dass Menschen ausgebeutet werden und sich Macht in dunklen Netzwerken konzentriert, das Gewalt passiert und wir es uns schönreden mit: das hat seine/ihre Seele wohl für dieses Leben so gewählt. Dass wir aufhören, aufzustehen, hinzusehen und Mitgefühl zu haben, weil wir glauben, wenn wir nur genug Licht und Liebe in die Welt aussenden, dann wird sich das Problem schon irgendwie lösen lassen. Und außerdem müssen wir unsere Energie ja „clean“ halten, wegen hoher Frequenz und so. Und Gott sei dank, möchte ich sagen, habe ich nie aufgehört, kritisch hinzuschauen, Konzepte zu hinterfragen, obwohl es doch so viel schöner gewesen wäre, gemütlich in meiner Komfortzone hocken zu bleiben. Glaubt mir, ich habe diese ständige Suche, dieses nicht-ruhen-können und immer weiter zu hinterfragen, nicht nur einmal gehörig satt gehabt. Aber ich habe auch begriffen: Uns in dieser „ich kann alles werden, was ich will, ich muss es mir nur manifestieren“-Bubble gemütlich einzurichten und überheblich auf all die zu schauen, die es nicht hinbekommen, ist nicht einfach nur naiv, es ist ein Teil des Problems, mit dem wir in unserer Welt der Vereinzelung und Selbstdarstellung immer mehr auseinanderfallen und uns immer weiter weg bewegen von „Wir sind alle eins“ als wir uns vielleicht eingestehen müssten, wenn wir denn bereit wären, hinzusehen.
Gleichzeitig verstehe ich, dass wir heute so überwältigt sind von den Nachrichten aus aller Welt, dem ganzen Gequake auf Social Media, dass wir gar nicht mehr wissen, wie wir das überhaupt nicht handeln sollen. Ich jedenfalls bin erschöpft von Schlagzeilen, gelähmt von zu vielen Informationen, die sich zu widersprechen scheinen. Ich fühle mich umzingelt von Algorithmen, die mir immer nur das zeigen, was ich ohnehin schon glaube. Und vielleicht spürst du das auch. Das ist kein Zufall. Ich glaube, das System dahinter will, dass wir verwirrt sind. Dass wir still bleiben und dass wir unseren gemütlichen Blasen kreisen und dabei denken, wir sind wahnsinnig wach oder gar erwacht. Dabei werden wir in Wahrheit nur beruhigt, weil wir durch die selektive Auswahl des Algorithmus glauben, unser Weltbild ist das einzig richtige.
Das macht mich wütend! Richtig wütend!
Und ich bin enttäuscht. Zutiefst enttäuscht.
Was mich in letzter Zeit am meisten erschüttert hat, war die Veröffentlichung der Epstein-Akten. Nicht, weil ich nicht schon vorher geahnt habe, wie tief die Netzwerke der Mächtigen reichen. Sondern weil es jetzt so offenkundig ist. Und weil – nichts passiert. Kein kollektiver Aufschrei. Kein gesellschaftliches Erdbeben. Nur weiter wie bisher. Und oft noch nichtmal die Bereitschaft, darüber zu sprechen. Lieber über den Alltag sprechen oder übers Wetter oder den nächsten Urlaub. Das macht mich fassungslos. Ich frage mich: Wie kann es sein, dass wir alle das lesen – und am nächsten Tag trotzdem wieder nichts verändern? Weil es bequem ist? Ja. Weil es anstrengend ist, hinzuschauen und Konsequenzen daraus zu ziehen? Auch. Aber vor allem, weil wir systematisch konditioniert wurden, nicht zu hinterfragen. Sondern zu konsumieren. Und ich kann das sogar verstehen. Es ist viel einfacher, sich in seiner kleinen Komfortblase einzurichten, als den Schmerz zuzulassen, der kommt, wenn man wirklich hinschaut. Und ich kann auch die andere Seite verstehen. Ich kann die verstehen, die ihre Macht erhalten wollen, koste es, was es wolle. Denn am Ende steckt auch dort nur eins: Angst. Angst, nicht mehr machtvoll zu sein. Angst, Kontrolle zu verlieren. Angst, das eigene Vermögen zu verlieren. Nein, ich toleriere das nicht! Aber ich verstehe den Mechanismus. Und das ist der erste Schritt, ihn zu durchbrechen. Und so haben wir auf beiden Seiten Angst und auf Seiten der “Nicht-Mächtigen” eine große Ohnmacht gegenüber der Komplexität der Welt. Und natürlich ist es da eine Möglichkeit, sich in diese seichte und gemütliche Welt der gut verkauften und vermarkteten Instagram-Spiritualität zu flüchten. Ich bin nicht gegen Spiritualität. Ganz im Gegenteil. Aber ich kann mich nicht mehr anfreunden mit dieser seichten „Licht- und Liebe-Spiritualität“, die ihre „Erkenntnisse“ für teuer Geld an die Verzweifelten unter uns verkauft. Die uns Großartiges verspricht, aber zu wünschen übrig lässt, wenn jemand wirklich hinschauen möchte und dich mit deinem “falschen” Mindset im Regen stehen lässt, weil sie auch keine Antworten auf die Ungerechtigkeiten dieser Welt hat. Ich habe mich z.B. mit Human Design beschäftigt. Und es ist für mich ein wundervolles Werkzeug zur Selbstreflexion. Wenn ich bereit bin, hinzuschauen. Bin ich es nicht, verkommt es schnell zu einer „Entschuldigung-so-bin-ich-halt“-Version. Manchmal wird es sogar angepriesen mit: Die Abkürzung zur Selbsterkenntnis“. Als wenn Selbsterkenntnis schnell gehen würde. Ich muss mich Schicht um Schicht durch den Morast wühlen. Und ja, Human Design kann mir da, wie vieles andere auch, ein wertvoller Begleiter sein. Aber wenn ich nur im Kopf bleibe und theoretisch verstehe, wie ich bin, bleibt das ganze hohl und verändert wenig. Gerade das Human Design bietet da reichlich Möglichkeiten, sich in einem Strudel aus Theorie zu verlieren, weil es so unendlich viel zu entdecken gibt. Doch muss ich es schaffen, von der Theorie in die Praxis zu kommen. Das Herausgefundene ins Leben bringen. Spüren. Erkunden. Eben leben. Human Design ist ein wertvolles Tool, das uns die Möglichkeit bietet, Unterschiede zu verstehen, Stärken zu erkennen. Miteinander zu ermöglichen. Oder aber es verkommt zu einer einfachen und billigen Rechtfertigung: So bin ich eben. Das kann ich nicht. Dafür bin ich nicht gemacht. Dann ist auch hier keine Tiefe zu erwarten, sondern eher eine Ausrede, die in einem hübsch aussehenden spirituellen Gewand daherkommt. Im übrigen genauso wie Kunst, in der sich der Künstler nicht mit seinen inneren Welten, Gedanken und Wunden auseinandersetzt, sondern nur etwas „Hübsches“ für die Wohnung erschaffen möchte. Kunst wie Human Design und andere Methoden oder Ausdrucksweisen sind für mich nicht zum Aufhübschen gedacht, sondern um sich selbst und die Welt fragend zu erforschen. Deshalb: Wahre Spiritualität fühlt sich für mich anders an. Sie hat Mitgefühl, aber sie lullt uns nicht in Licht und Liebe ein, denn sie ist unbequem. Sie hat Tiefe und sie scheut den Schmerz nicht. Sie beginnt bei sich selbst, aber sie bleibt dort nicht stehen. Sie schließt niemanden aus, sondern nimmt andere an die Hand, gerade dann, wenn es schwierig wird. Und genau so sehe ich die Kunst. Sie ist eine Einladung zur Reflexion. Eine Einladung hineinzuspüren, was das Kunstwerk auslöst. Eine Einladung, sich mit einer anderen Weltsicht auseinanderzusetzen.
Aus all diesen Gedanken und meiner geplatzten rosa Blase ist das Bild am Anfang des Artikels entstanden. Ein Mädchen sitzt da. Im Clownskostüm. Traurig. Entwaffnet. Fühlt sich ein wenig fehl am Platz in ihrem Kostüm. Die Szene: irrational. Denn dort draussen stolzieren die bunten Flamingos herum und reden von Licht und Liebe und Manifestation und von „du musst es nur genug wollen“. Eine Welt, die den Ernst der Lage verkennt. In der die Menschen abgestumpft sind und lieber weiter ihren Gurus hinterherlaufen oder auf DEN Erretter warten. Und die oder der müssen nicht zwangsläufig aus dem spirituellen Lager kommen. In der Hand. Ein Heißluftballon, an dem Sterne hängen. Hoffnung ist noch da. Aber sie ist fragil. Sie weiß noch nicht, wie sie mit der geplatzten Blase umgehen soll. Aber sie weiß, es gibt einen Weg. Und vielleicht ist der erste Schritt ja erstmal, darüber zu schreiben, was in den letzten Jahren an ihr genagt hat. Dieses Mädchen ist tief enttäuscht. Von der weichgespülten Spiritualität, die vereinzelt, statt zusammenzuführen. Von Coaches, die Spiritualität in teuren Programmen verkaufen, von Systemen und Erzählungen, die behaupten, alles sei möglich, solange man nur allein stark genug ist. Und gleichzeitig erkennt sie etwas Wertvolles, Entscheidendes: Allein hat sie keine Chance, in dieser Welt wirklich etwas zu verändern. Und vielleicht ist die Hoffnung, die sie dort in der Hand hält ja, dass wir Menschen verstehen, dass wir miteinander kooperieren, nicht konkurrieren müssen. So wie es die Mächtigen dieser Welt bereits verstanden haben und in Netzwerken des Grauens leben, während sie uns gleichzeitig Glauben machen, dass wir in einer Welt des Wettbewerbs leben. In mir ist eine Blase geplatzt. Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber nachhaltig. Ernüchtert. Schmerzhaft. In einer Welt, in der kaum noch klar ist, was wahr ist und was nicht, in der Nachrichten sich widersprechen, Narrative sich überlagern und Vertrauen zerfällt. In der am Ende nur noch das bleibt, was man selbst gesehen, gefühlt und erlebt hat. In dieser Welt ist es umso wichtiger, immer wieder über den eigenen Tellerrand zu schauen. Die Bequemlichkeit hinter sich zu lassen und im Dreck zu wühlen. Sich verletzlich zu machen, um wieder Mitgefühl und Empörung spüren zu können. Um sich eine eigene Meinung zu bilden, die eigenen Werte zu hinterfragen, sie ggf. neu auszurichten und das eigene Leben an diesem Maßstab auszurichten. Es ist auch eine Entscheidung, kein Arschloch zu sein Wie ich schon zu Beginn erwähnte, bin ich immer wieder entsetzt, was Menschen fähig sind, anderen Menschen (oder Tieren oder der Natur) anzutun. Und dass ich dann nicht wirklich etwas tun kann (wie die ganze Welt retten z.B.) macht mich traurig, manchmal hilflos oder wütend. Und dann erinnere ich mich, dass es für einen einzelnen Menschen einfach unmöglich ist, die ganze Welt zu retten, auch wenn er es noch so sehr möchte. Ich kann meinen Blick natürlich immer wieder auf all das richten, was in der Welt schiefläuft und trotzdem nicht verändern, was ich gern verändern würde. Ich kann daran verzweifeln. Oder ich kann erkennen: Ich bin wirklich froh, kein Arschloch zu sein! Und ich bin froh, immer wieder aufs Neue zu entscheiden, auch weiterhin Arschloch zu sein, das andere Menschen zum eigenen Vorteil ausnutzt. Dass ich mich immer wieder entscheide, kein Teil des Problems zu sein und dass ich versuche, im Rahmen meiner Möglichkeiten, Gutes in die Welt zu bringen und andere zu unterstützen. Und vielleicht ist das gerade, im Angesicht der herausfordernden Enthüllungen unserer Zeit, das Wertvollste, das jeder Einzelne von uns im Moment tun kann. Und trotzdem: Manchmal fühle ich mich im Angesicht der Welt, klein, hilflos und traurig… Und ja, in meinen Bildern drücke ich genau diese Gefühle aus, auch wenn wir sie am liebsten aus unserem Leben verbannen würden (Licht und Liebe und ewige Glückseligkeit und so). Doch genau dafür ist Kunst da! Verdammt nochmal genau dafür!