Lucy

Dämonen schweigen nicht. Sie wollen ans Licht. Immer.

Selbst die best behütetsten Dämonen finden irgendwann ihren Weg an die Oberfläche. Lucy sitzt mitten im Zimmer. Den Pinsel noch in der Hand. Er zittert. Weil sie zittert. Sie ist umgeben von Bildern. Bildern mit Frauen. Mit schönen Frauen. Starken Frauen. Verrückten Frauen. Bilder, die sie gemalt hat. Über Wochen. Monate. Vielleicht auch Jahre. Sie weiß nicht mehr, wann sie angefangen hat. Sie weiß nur, sie wollte immer nur Frauen malen. Sie sitzt. Und sie zittert. Immer noch. Denn sie weiß, es sind nicht einfach nur Bilder von Frauen. Die Haare sind einfacher. Frauen müssen gesehen werden. Sie hat das geglaubt. Glaubt es noch. Und doch reicht es nicht. In ihr brennt es. Lichterloh.
Doch bis jetzt hatte sie den Dämon gut im Griff. Er war gut weggesperrt. Im Dunkeln. Aber sie hat gut für ihn gesorgt. Ihm immer mal wieder Wasser gereicht. Einen Sonnenstrahl durch den Spalt der Kerkertür fallen lassen. Vor kurzem hat sie es sogar gewagt, ihn von seinen Ketten zu befreien. Er sitzt schließlich im dunklen Kerker. Da ist er sicher aufbewahrt.

Doch etwas hat sich verändert, seit sie die Ketten gelöst hat. Er sitzt noch im Kerker, das ja. Die Kerkertür ist dick. Und dreimal abgeschlossen. Mit einem Vorhängeschloß nochmals gesichert. Doch seit die Ketten gefallen sind, und sie weiß gar nicht sicher, warum sie sie gelöst hat, es war ja alles gut gewesen, träumt sie anders. So sehr sie diese Träume ängstigen – denn würde sie sich eingestehen, was sie wirklich mit ihr machen – so sehr liebt sie sie. Sie sind warm und zart und hell. Und sie brennen. Bis sie die Augen öffnet. Sie es einen Moment zu lange zulässt - dieses warme, zarte, sanfte Gefühl. Schon fängt sie an zu zittern. Die Angst packt sie im Nacken. Diese eine Frage nagt an ihr. Und sie glaubt, der Dämon hat ihr die Frage in den Kopf gesteckt. Vielleicht hat er sie festgetackert. Oder Industriekleber benutzt. Jedenfalls klebt sie in ihrem Kopf und sie geht nicht mehr weg. Fest zementiert. Und manchmal bereut Lucy, dass sie dem Dämon die Ketten abgenommen hat.

Denn jetzt sitzt sie mitten zwischen all den Bildern. Und sie spürt, wie der Dämon an der Kerkertür rüttelt. Sie sitzt da mit all den Frauen. Und sie findet sie alle schön. Wunderschön. Und sie stellt sich vor, wie es wäre, sich mit einer von ihnen zum Kaffee zu treffen. In die rehbraunen oder funkelnden grünen Augen zu schauen. Zu versinken. Den Duft der anderen aufzusaugen. Und sich zu verlieren. In diesem Moment, in dem alles möglich scheint. Bevor Hände sich sanft berühren, Lippen sich nähern, Düfte sich vermischen. Der Moment bevor aus einer Möglichkeit ein Feuerwerk wird. Lucy atmet tief durch.

Sie muss – sie will – dieses Zittern in den Griff bekommen. Was, wenn jetzt ihr Partner das Atelier betritt. Wie soll sie all das erklären? Wie all das leben? Wie soll sie ihm von ihrem Dämon erzählen? Und ihren Wünschen? Die immer stärker werden. Die sie zittern lassen. Sie weiß, es geht nicht um ein Entweder-Oder. Doch wird er das auch verstehen? Und wie soll ein Sowohl-als-auch eigentlich genau aussehen? Kann das funktionieren? Und überhaupt weiß sie ja auch gar nicht, ob das alles nicht vielleicht nur ein Hirngespinst ist. Insgeheim hofft sie es. Dann wären Träume nur Träume oder noch besser Schäume. Und sie könnte sie wegpusten. Wie damals die Schaumblasen in der Badewanne. Und sie würde ihnen mit den Augen folgen bis sie an der Wand zerplatzen. Ein bisschen wehmütig, aber auch erleichtert. Mit Schaumblasen kann man umgehen. Mit im Kopf zementierten Fragen ist das schwieriger. Lucy atmet. Der Dämon rüttelt.

Und sie weiß: Irgendwann wird sie die Tür selbst öffnen. Die Frage ist nur, ob sie es Dämon nennen wird. Oder Freiheit.